Stephan Stallmann schüttelt den Kopf. „Augen zu und durch bin ich nicht der Typ für“, sagt der Dachdeckermeister und Forstwissenschaftler aus Emmerthal in Niedersachsen und fährt weiter. Er parkt das Auto auf der Anhöhe, nun sieht man die Windräder von Süden. Acht Stück, jedes von ihnen 217 Meter hoch, höher als die Aussichtsplattform des Berliner Fernsehturms. Der Himmel über dem Weserbergland ist wolkenlos, die Sonne brennt unentwegt an diesem heißen Junitag. Wind weht kaum. Im Hintergrund qualmen die Kühltürme des Kernkraftwerks Grohnde.

Niklas Záboji

Redakteur in der Wirtschaft.

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    Als Vorsitzender der lokalen Bürgerinitiative (BI) kämpft Stallmann gegen die Windräder vor seiner Haustür, seit es sie gibt. Also seit zweieinhalb Jahren. Verhindern konnte er sie vor Gericht nicht. Aber er macht weiter, auch wenn die Chancen schwinden und die Jahre vergehen. „Man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut“, sagt Stallmann. Er erwähnt Sohn und Tochter, beide noch klein. Um die gehe es. Als Vater frage er sich oft: „Was hinterlassen wir unseren Kindern eigentlich in zehn bis zwanzig Jahren für ein Land?“ Ein „Propellerland“ sei jedenfalls keine Lösung – nicht für den sicheren Strombezug, nicht für die Menschen vor Ort und vor allem nicht für Vögel und Natur. Dass das intakte Kernkraftwerk Ende dieses Jahres vom Netz geht, macht ihn fassungslos.

    Das war nicht immer so

    Anti-Windkraft-Klagen wie in der Zehntausend-Seelen-Gemeinde Emmerthal sind eigentlich nichts Neues. Anwohnerprotest ist ein ständiger Begleiter der Energiewende, meist kann man nach begonnener Projektplanung die Uhr danach stellen, dass es bald losgeht. Schätzungen für ganz Deutschland reichen von wenigen hundert bis mehr als tausend organisierten Protestgruppen. Doch die Konflikte nehmen zu: Die Klimaziele vor Augen, drücken Politik und Industrie bei der Windkraft aufs Tempo. Zugleich werden die Anlagen mit bis zu 250 Metern immer höher und die verfügbaren Flächen knapper. Geht es nach Regierungsvertretern in Stuttgart, München oder Hannover, sollen Neuanlagen nun auch in den Wald.

    Kerstin Andreae, früher ranghohe Grüne und heute an der Spitze des mächtigen Energieverbands BDEW, trommelte diese Woche über den reichweitenstarken Verteiler der dpa: Es brauche jährlich 1500 statt zuletzt 420 neue Windräder, trotz technischen Fortschritts, trotz mehr Ertrag bei mehr Höhe. Sie mahnte Reformen im Artenschutz an. „Wenn wir die Energiewende nicht hinbekommen, werden die negativen Folgen wie Trockenheit der Wälder und andere Klimaveränderungen viele Arten insgesamt gefährden“, so Andreae. Der Schutz der Art müsse in den Vordergrund, nicht der Schutz jedes einzelnen Vogels. Der BDEW sei deshalb in intensiven Diskussionen mit den Umweltverbänden.

    In Emmerthal glaubt man zu wissen, wie diese Diskussionen enden. Aus Sicht der Bürgerinitiative zählt der einzelne Vogel für Greenpeace, Naturschutzbund Deutschland (Nabu) & Co schon heute nicht mehr viel – obwohl die Max-Planck-Gesellschaft gerade erst das ungebremste Voranschreiten des Vogelsterbens in Deutschland diagnostiziert hat. Alles werde dem Primat von Windkraft- und Solaranlagen unterworfen, der Zielkonflikt von Artenschutz und Klimaschutz einseitig zugunsten des Klimas gelöst. Vor allem hier in Niedersachsen, Heimat vom Anlagenhersteller Enercon, jenem Bundesland, in dem sich mit Abstand die meisten Rotoren drehen. Von den Umweltverbänden sieht sich Stallmann, der Chef der Bürgerinitiative, im Stich gelassen.

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